Aktuelles aus der Sozialen Stadt Raubling

Hier finden Sie Informationen und Berichte zu den Angeboten und Aktivitäten der Sozialen Stadt Raubling.

11. Juli 2019

Bannschen - neue Taschen aus alten Werbebannern

Toll sind sie geworden! Modern, stylisch und einzigartig! Und: Keiner wird den sechs Schülerinnen der Ganztagesschule Raubling glauben, dass sie als absolute Nähanfängerinnen solch professionellen Taschen selbst gennäht haben! Mit Innenfutter und -taschen, abnehmbaren Deckeln zum Tauschen, Innenhaken für den Hausschlüssel... RESPEKT!

Möglich gemacht hat dieses tolle Projekt, bei dem Schülerinnen auch gelernt haben, dass man aus allem etwas machen kann und nicht gleich alles wegwerfen muss - die Lokale Aktionsgruppe Mangfall/Inntal.

Diplomdesignerin Franzi Wanger vom Verein von herz zu herz e.V. hat die Schülerinnen dazu befähigt, motiviert und angeleitet. Auch Julia Hefter hat mitgeholfen. Zunächt war der Plan die Taschen mit "Werbesprüchen für neues Denken" zu besticken - analog zur ursprünglichen Bedeutung von Werbebannern, die eine persönliche Botschaft transportieren sollten. Da die Taschen jedoch alle recht bunt und bemustert sind, wäre so ein aufgenähter Spruch nicht zur Wirkung gekommen.

Bannschen - Projektbericht von Franziska Wanger

In allen Farbvarianten blicken Sie uns an jedem noch so abgelegenen Ort an: Werbebanner, für die Unternehmen, Dienstleister und Eventorganistoren viele hundert Euro bezahlen, um ihre Angebote und Veranstaltungen zu bewerben. Doch was geschieht mit den Plakaten, nachdem sie ihren Zweck erfüllt haben? In der Regel landen sie auf dem Sperrmüll und werden dort ohne weiteren Nutzen verbrannt. Ein wertvoller Rohstoff, der im Sinne des Umweltschutzes noch für viele Einsatzbereiche weiter verwendet werden könnte. Dieser Gedanke kam auch Sabine Baumgartner von der Sozialen Stadt Raubling, als sie eines Tages durch Rosenheim fuhr und bescherte ihr eine Idee für ein richtig tolles Projekt: „Wir nähen Taschen aus den alten Bannern.“ Sie stellte einen Förderantrag bei der LAG, organisierte ausrangierte Werbebanner aus der Tourismusverwaltung Kolbermoor und fragte mich, ob ich Lust hätte, die Nähgruppe zu (beg-)leiten. Als Produktdesignerin mit reichlich Näherfahrung passte das Angebot genau in mein Portfolio. Mit etwas Mut zum Neuen nähte ich drei Prototypen, um ausreichend Knowhow zu sammeln. Mit den Mustertaschen wendeten wir uns an Sabine Konrad von der Ganztagsbetreuung der Michael-Ende-Schule in Raubling, um dort ein paar Kinder zum Mitmachen zu gewinnen. Sechs Mädchen sowie eine Schneiderin aus der Nachmittagsbetreuung waren bereits beim ersten Kennenlernen hellauf begeistert.  

 


Beim ersten Nähtreffen waren die Kinder Feuer und Flamme für ihre ersten Nähversuche. Allerdings kam es an dem Tag noch nicht dazu, da wir zunächst die ausrangierten Werbebanner großflächig auslegen mussten. Die Teilnehmerinnen sollten sich auf den ausrangierten Bannern Farben und Muster aussuchen, die sie verwenden wollten, um ihre Taschen daraus zu fertigen. Manche Mädchen wussten sofort, welche Farb- und Gestaltungsbereiche ihnen auf den Bannern gefielen. Andere überlegten reiflich, bis sie die Schere ansetzten. Mit an meiner Seite war von Anfang an Julia Hefter aus der Ganztagsbetreuung der Michael-Ende-Schule. Sie ist gelernte Schneiderin und damit prädestiniert, in einem solchen Angebot mitzuwirken. Sie unterstützte die Teilnehmerinnen schon am ersten Tag tatkräftig beim Ausschneiden der riesigen, unhandlichen Materialien. Wir benötigten fast die gesamte Bodenfläche im Bürgerhaus der Sozialen Stadt Raubling, um alle Banner auslegen und ansprechende Stücke ausschneiden zu können. Nachdem sich alle Kinder ihre Wunschteile aus den Bannern ausgeschnitten hatten, sollten sie die Schnittvorlagen anzeichnen, welche wir benötigten, um daraus später die Taschen zu nähen. Auch das war im ersten Versuch nicht einfach. Doch mit etwas Mut und Übung gelang es allen, ihre Schnitteile anzufertigen.


Beim nächsten Treffen lernten die Teilnehmerinnen, die Nähmaschinen zu bedienen. Da die Maschinen allesamt aus der Bevölkerung für die Nähgruppe „Nähherzen“ gespendet wurden, waren alle Modelle unterschiedlich. Jedes Kind musste also auf einer ganz individuellen Nähmaschine lernen, zu nähen. Auf Probestücken konnten sie hier vom allerersten Stich an immer experimentierfreudiger werden und lernten dadurch den Umgang mit den Geräten. Als es dann an die erste Naht an der Tasche ging, waren einige aufgeregt oder sogar besorgt, sie könnten etwas kaputt machen. Doch Julia und ich trauten es den Kindern zu und ließen sie einfach machen. Dass eine Nähmaschine aber hier oder da auch mal zwickt und zwackt, gehört einfach dazu. Sich daraus nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, war Teil des Lernprozesses. Im Lauf der einzelnen Nähaufgaben, die die Mädchen erledigen mussten, wurden sie immer versierter und damit sicherer im Umgang mit Material und Maschine. Hin und wieder tauchten Herausforderungen auf, bei denen Julia und ich den Kids halfen. Den größten Teil jedoch konnten alle Kinder selbst nähen.


Bei einem Treffen fragte ich eine Teilnehmerin, wie es ihr mittlerweile beim Nähen ginge. Sie antwortete mir, dass sie sich sehr freute, denn sie habe in der Zwischenzeit sogar einer Mitschülerin im regulären Handarbeitsunterricht an der Nähmaschine helfen können. Das machte sie sehr stolz.

An einem anderen Tag war eine Aufgabe, an den Taschen etwas abzumessen, um einen innenliegenden Futterstoff passgenau für die jeweiligen Werkstücke zuschneiden zu können. Ich bat eine Teilnehmerin, diese Aufgabe des Abmessens für alle Taschen zu übernehmen. Sie lehnte die Aufgabe ab, da man ihr im Regelunterricht vermittelt hatte, dass Rechnen nicht ihre Stärke sei. Sie traute sich selbst nicht zu, die Aufgabe erledigen zu können. Daraufhin machte ich ihr ein Angebot: „Was hältst Du davon, es einfach mal zu versuchen. Falls Du beim Tun bemerkst, dass es nicht geht, kannst Du mir jederzeit Bescheid geben. Ich komm dann, um Dir zu helfen oder ein anderes Kind übernimmt die Aufgabe, wenn Du nicht weiterkommst. Wäre das für Dich ok?“ Sie stimmte zu und wagte sich heran. Obwohl sie an der einen oder anderen Stelle haderte, traute sie sich, weiterzumachen und schaffte es am Ende, für alle Taschen die richtigen Maße herauszufinden. Für mich war diese Situation ein wunderbarer Beweis dafür, wie wertvoll es ist, Kindern beim Lernen einfach Zeit geben zu können, damit sie frei von Druck und Stress herausfinden können, wie ihnen etwas gelingen kann. Für sie Schülerin selbst war es ein Erlebnis, welches sie zum Strahlen brachte und Mut für weitere Aufgaben gab.

Die Mädchen hatten während des gesamten Kursverlaufs über 11 Treffen hinweg große Freude dran, an ihren Taschen zu nähen. Dabei wurde ihnen während der 2 Kursstunden nie langweilig. Im Gegenteil: sie merkten überhaupt nicht, wie die Zeit beim kreativ sein, nähen und gestalten verging. Dank der Unterstützung von Julia Hefter, die mit ihrem Profiwissen aus der Schneiderarbeit immer wieder gute Impulse gab und mit unterstützender Hand beiseite Stand.
In dem Projekt blickten wir auch immer wieder über den Tellerrand und überlegten, wie das Material entstand, wie viele Kilometer es bereits auf dem Buckel hatte, welche Rohstoffe darin steckten und wie sehr wir dieses Material wertschätzen, indem wir es weiterverwenden.

Bei unserem Letzten Treffen verabredeten wir uns zu einem Fotoshooting. Sabine Konrad von der Ganztagsbetreuung machten mit ihrem Können als gelernte Fotografin bezaubernde Bilder von den Mädchen mit ihren selbstgenähten Taschen. So werden die Teilnehmerinnen immer eine Erinnerung an ihre erste selbstgenähte Tasche haben, die nicht nur individuell und super schick ist, sondern zudem auch noch der Umwelt etwas Gutes tut. Denn wie schade wäre es, wenn all diese wertvollen Materialen auf dem Müll landen würden.

Die Banner-Taschen - also Bannschen – der Kinder sind wirklich einzigartig geworden. Jedes Stück ist ein Unikat und trägt die Handschrift der einzelnen Schülerin. Sie haben ihre Werke mit Hingabe und Herzblut gefertigt. Eine echte Handarbeit, die im Laden oder auf einem Künstlermarkt auch noch viel Geld kosten würde. Zurzeit tragen die Schülerinnen ihre Taschen mit ganzem Stolz als Schultaschen. Vielleicht landet die eine oder andere Tasche künftig auch mal als Badetasche am See.

Ich freue mich, dass ich gemeinsam mit meinen Kolleginnen aus der Sozialen Stadt Raubling und aus der Ganztagsbetreuung dieses nachhaltige Projekt realisieren konnte.

Besonders dankbar bin ich zudem der LAG, die mit ihrer Zustimmung zum Förderantrag das Projekt überhaupt finanziell möglich gemacht hat.

Vielen Dank allen Beteiligten für die Initiative, für die Unterstützung und für die Zusammenarbeit.

Und im kommenden Herbst startet bereits die nächste LAG-finanzierte Nähgruppe. Dann heißt es „Upcycling – Neues Styling für alte Klamotten.“

Franzi Wanger, Juli 2019 

 

Zurück